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Vom richtigen Maß: Warum Du kein außergewöhnliches Leben brauchst

Vor einigen Jahren schrieb mir meine Mutter etwas in mein Poesiealbum.

Ich war stinksauer.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich das Gedicht bis heute noch auswendig kann:

Oh, ringe nicht nach eitlen Kränzen.

Zu oft sind sie des Zufalls Spiel.

Nein! Still zu schaffen, nicht zu glänzen

Sei Deines Lebens schönstes Ziel.

Für mich war dieses Gedicht gleichbedeutend mit „Halt‘ die Klappe und arbeite. Mach einfach deinen Job und sei gefälligst zufrieden.“ Mich ergriff der heilige Zorn. Ich war ein Teenager und mein Plan für die Zukunft sah eigentlich durchaus Glänzen für mich vor. Ich wollte Musicalschauspielerin werden, komme was wolle. Mir war klar, dass das meine Bestimmung war. Warum sonst hatte ich denn bei meinem ersten Musicalbesuch sonst bitteschön vor Ergriffenheit geweint? Wenn das kein Zeichen war!

Viele Vertreter der „Persönlichkeitsentwicklungs-Branche“, die es ja damals noch gar nicht so gab, würden meinem erzürnten Teenager-Ich von damals wahrscheinlich recht geben. Es braucht nur einen zaghaften Schritt in meine Persönlichkeitsentwicklungs-Filterbubble und schon werde ich wohligwarm umströmt von positiven Botschaften, die mir sagen, dass ich sehr wohl glänzen darf. Viele gute Menschen bieten mir heute ihre Hilfe an, um „in meine Kraft zu kommen“, „mein Licht leuchten zu lassen“, „mein volles Potenzial zu leben“ oder gar zu der „besten Version von mir selbst“ zu werden. Heute gibt es Menschen, die mir durchaus dabei helfen wollen herauszufinden, was meine Berufung ist oder „mein Warum“. Schließlich weiß ich ja auch nie, wo mein Limit ist. Auch finanziell. Reichtum ist mein Geburtsrecht, heißt es hier und da. Wenn ich dem Universum positive Vibes schicke, dann belohnt es mich mit Geld, das mir dann zufließt oder mit Erfolg und Berühmtheit. Scheitern kann ich eigentlich kaum, denn den Plan hat schließlich das Universum für mich persönlich eigens entworfen. Ich muss ihn nur erst lesen lernen und mich dann einfach dran halten wie an ein Kochrezept.

Und auch, wenn der geneigte Leser hier vielleicht einen sarkastischen Unterton vernehmen mag: Daran ist zunächst mal nicht unbedingt etwas verkehrt. Natürlich sollten wir unser Licht leuchten lassen, wenn wir können. Natürlich dürfen wir unserer Berufung – so es sie denn gibt – nachjagen. Selbstverständlich ist es erfüllend, wenn wir unser Potenzial ausleben dürfen und das auch können. Das alles ist sogar ein verdammter Segen, mal ehrlich.

Viele Menschen haben ganz andere Sorgen als ihre eigene Leuchtkraft

Ich komme jedoch nicht umhin, mich zu fragen: Warum sollte sich das Universum damit befassen, dass ausgerechnet ich mein Potenzial zur vollen Entfaltung bringen, dass ich leuchten und strahlen darf? Ausgerechnet ich, die ich in einem der wohlhabendsten Länder der Welt geboren bin. Mit einem Gesundheits- und Sozialsystem, über das viele zwar schimpfen, aber das es eben in anderen Ländern einfach gar nicht gibt. Ich kann mir aussuchen, wie ich mich ernähren möchte. Vegan, vegetarisch, milchfrei, Low carb, Clean Eating oder Junkfood in rauen Mengen, „Schokoholic“ sein … für all diese Ernährungsstile können wir uns nur entscheiden, weil wir die Auswahl haben. Als meine Eltern mir nach meinem Abitur sagten, die Welt stünde mir offen, hatten sie recht. Ich habe die Mittel, die Welt zu bereisen oder es zu lassen. Ich kann sparsam sein oder alles verpulvern. Ich kann Buddhistin, Christin, Atheistin, ja ich kann sogar Kräuterhexe oder Engelsanbeterin sein, wenn ich will. Ich habe die Wahl. Das Universum, sofern es sich um uns Erdenwürmer denn tatsächlich schert, war bereits jetzt äußerst gut zu mir. Und Dankbarkeit ist ja wichtig, das sagen die „Persönlichkeitsentwicklungs-Gurus“ ja auch. Ich kann leuchten, mein Leben über den Haufen schmeißen und nochmal neu machen, mich entdecken, mich verwerfen und mich wieder (er)finden.

Andere haben es ungleich schwerer.

Menschen, die nicht wissen, was – oder ob! – sie morgen essen können. Die kein Zuhause haben. Im Krieg leben oder durch ihn alles und vielleicht sogar jeden verloren haben. Die auf der Flucht sind.

Aber nicht nur die.

Auch die Menschen, die mit schweren Krankheiten zu kämpfen haben.

Denen psychische Krankheiten das Leben schwer machen. Denen Depressionen immer wieder dunkle Schleier vor ihr Leben hängen.

Deren Leben durch eine Behinderung erschwert wird.

Die um jemanden trauern.

Denen ein traumatisches Erlebnis mit der Faust ein Loch ins Leben geschlagen hat.

Die in strengeren Strukturen aufgewachsen sind und sozialen Zwängen unterliegen.

Die das Leben einfach irgendwie nie gefragt und nie eine Chance gegeben hat.

Was schert diese Menschen ihr Potenzial? Sie können es sich gar nicht leisten, ihre Berufung zu suchen, ihr „Traumleben“ zu leben, ihrem „Herzensweg“ zu folgen. Meine erbitterte Frage lautet: Wo ist denn da das wohlwollende Universum? Und ich wage es kaum auszusprechen: Denken all diese Menschen etwa einfach nicht positiv genug, dass ihnen das Universum all die tollen Segnungen verweigert? Liegt es an ihnen?

Aber auch das ist noch nicht alles.

Es stellt sich auch die Frage, die wahrscheinlich nicht nur auf meinem Gemüt schon schwer lastete:

Ist mein Leben schlecht, wenn es nicht außergewöhnlich ist?

Oder besser gefragt: Ist mein Leben nicht gut genug, wenn ich es nie geschafft haben werde, meine Berufung zu finden, mein Potenzial auszuschöpfen und mein Licht anzuknipsen? Was, wenn ich niemals in meine ganze Kraft komme? Was wenn ich nie herausfinde, wie wohl die beste Version von mir selbst ausgesehen hätte? Was, wenn der letzte Gedanke, den ich in diesem Leben denke, der ist, dass mein Leben ein einziger Fehlschlag war? Dass ich einfach nicht „fertig“ geworden bin. Dass mein Leben nicht vollkommen war, obwohl ich die Chance dazu gehabt hätte.

In Filmen, Romanen und Legenden werden Menschen, die sterben, obwohl noch Dinge in ihrem Leben unerledigt geblieben sind, zu ruhelosen Geistern, die nicht ins Licht finden und hier auf der Welt unsichtbar zwischen Leben und Jenseits abhängen müssen.

Ich fühlte mich aber schon zu Lebzeiten so. So lange ist das noch gar nicht her. Da war ich vollgepumpt mit den Persönlichkeitsentwicklungs-Parolen, wollte mein Licht anzünden, meine beste Version werden, meine Berufung finden. Gefunden habe ich Stress, Druck, das Gefühl nicht gut genug zu sein und etwas ganz Großes zu verpassen. Je mehr Zeit verstrich, desto schlimmer wurde es. Ich fühlte mich nicht richtig, wo ich war, wusste aber nicht wohin sonst mit mir. Fand einfach irgendwie nicht heraus, was das Universum mit mir wollen könnte. Hatte Angst vor der Unsicherheit und vor der vermeintlichen Sicherheit meines Alltags gleichzeitig. Ich war ein ruheloser Geist. Teilweise bin ich es noch. Denn natürlich möchte ich gerne leuchten und glänzen. Ich hätte gerne ein besonderes Leben. Aber wer legt eigentlich fest, wann das der Fall ist?

Ist überhaupt irgendetwas noch gut genug für uns?

Es liegt unserer Leistungsgesellschaft in den Genen, dass wir immer nach dem Maximum streben (das wir oft genug niemals erreichen).

Der Job, der dich jeden Morgen freudestrahlend aus den Federn springen lässt. Und dich nebenbei traumhaft reich macht – was auch ein Indiz dafür ist, dass du deine Berufung lebst, klar.

Der ideale Partner, der dich auf Rosen bettet und dich auf Händen trägt.

Das Traumhaus.

Die beste Version von dir selbst. Die nicht nur für dich und deinen Körper perfekt sorgt, sondern gleichzeitig auch die Welt besser macht. Die die Klaviatur von Nachhaltigkeit, Minimalismus, Fair-Trade und Veganismus perfekt beherrscht. Die Menschen hilft (ihren Weg, ihre Berufung, ihr Warum, ihr Licht zu finden).

Positive Gedanken!

Dankbarkeit!

Das verdammte First Class-Leben eben! Außergewöhnlich! Und alles andere als Mittelmaß (Ach und: Warum war Mittelmaß nochmal schlecht?).

Doch, wer hat sich das denn eigentlich ausgedacht? Warum habe ich mein Potenzial denn erst so richtig gelebt, wenn ich aus der Masse herausrage, wenn ich auf dem Berggipfel stehe, wenn ich einer Horde Coachees zeigen kann, wie sie ihr Leben optimieren können?

Wenn ich leuchten will, müssen andere im Schatten stehen. Anders geht es nicht. Wenn ich strahle, muss es woanders dunkel sein. Keiner ist außergewöhnlich, wenn alle außergewöhnlich sind.

Und wann sind wir denn eigentlich fertig? Wann ist der Punkt erreicht, an dem wir am Ende unseres Lebens zufrieden sagen können: Ich habe mein Potenzial ausgeschöpft, ich war die beste Version von mir, so viel ist sicher?

Wie viel mehr wollen und brauchen wir denn eigentlich noch?

Eine andere Art von Leuchten

Meine Mutter ist eine von denen, die das Leben nicht gefragt hat. Zierlich, hübsch und tänzerisch begabt wie sie ist und früher schon war, hätte sie vielleicht eine Ballerina werden können. Oder eine Künstlerin, eine begnadete Innenarchitektin. Aber als drittes von fünf Kindern, besorgten ihr ihre Eltern kaum dass sie ihren Hauptschulabschluss hatte eine Lehrstelle in einer Metzgerei. Schnitzelklopfen statt Tanzen. Für unfreundliche Kunden Hackfleisch abwiegen statt Raumkonzepte erstellen.

Klar, sie hätte irgendwann etwas Neues beginnen können. Aber sie lernte meinen Vater kennen und lieben, heiratete, bekam zwei Kinder, meinen Bruder und mich. Sie stand nie auf einer großen Bühne. Aber sie sang uns Lieder vor, wenn wir im Waschbecken saßen und da „badeten“. Sie bekam nie einen Großauftrag, um einen Festsaal zu schmücken oder ein Haus einzurichten. Aber sie nähte uns wunderschöne Vorhänge und hängte sie über unserem Bett auf, baute uns Kuschelecken und richtete unsere Kinderzimmer immer wieder neu ein. Meine Mutter begeistert keine großen Massen, aber für einen kleinen Kreis ausgewählter Menschen ist sie die Sonne. Wer könnte sagen, dass das nicht gut genug ist?

Oder es gibt da diesen älteren Herrn, der an der Pforte sitzt, da, wo ich arbeite. Wir kennen uns gar nicht, aber trotzdem winkt er mir jeden Morgen zu und lächelt. Dank ihm ist das erste, was ich auf der Arbeit tue, lächeln. Wer könnte sagen, dass das nicht genug ist?

Oder der nette Herr vom Zoo, bei dem ich manchmal wegen ein paar Informationen für einen Artikel anrufe, und der sich immer Zeit nimmt, mir sogar extra noch ein paar coole Funfacts mit auf den Weg zu geben, obwohl er nur ein paar trockene Fakten herunterbeten müsste. Wer könnte sagen, dass das nicht genug ist?

Welche Maßeinheit benutzen wir, wenn wir abwägen wollen, ob unser Leben erfolgreich oder außergewöhnlich ist? Was ist es denn, unser Potenzial, um was geht es dabei wirklich?

Was sind die Momente, in denen wir wirklich glücklich sind? Was machen sie aus, worum geht es da?

Sind es die, in denen wir maximal bewundert werden, in denen wir leuchten, in denen wir so richtig Erfolg haben, in denen es Ca-Ching auf dem Konto macht?

Wenn ich auf mein Leben ehrlich schaue, dann sind meine schönsten Erinnerungen – nämlich die, in denen mein Herz warm wird und mir Tränen in die Augen steigen – die stillen Momente, in denen ich echte Verbundenheit, Zufriedenheit und Liebe gefühlt habe.

Oft sind die großen Erfolge, die großen Berufungen, die großen Taten vielleicht eben doch nicht mehr als „eitle Kränze“. Vielleicht sind es oft doch nur Ego-Fallen, die am Ende gar keine so große Rolle spielen.

Vielleicht sind die wahren Schätze eben doch die stillen Momente. In denen wir gar nicht glänzen müssen und wollen.

Vielleicht liegt in ihnen das wahre Leuchten, die wahre Kraft, das größte Potenzial.

 

 

2 Comments

  • Sarah

    Sehr schöne Gedanken!
    Wir haben ja fast die Qual der Wahl hier in D. Und auch oftmals keinen Zwang da zu bleiben wo wir sind – weder örtlich noch beruflich – ich finde das ist ein gutes Gefühl; und das hab ich am liebsten daheim auf der Couch😇

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